
Neulich erzählte mir mein Sohn von einem Weltrekord.
Jemand hat es geschafft, innerhalb einer Minute eine ordentliche Menge bunte Schokolinsen mit Stäbchen zu essen.
Ich musste erst mal lachen. Mit Stäbchen kriege ich nicht mal Sushi vernünftig gehalten, ohne dass mir die Rolle wieder runterplumpst.
Und während ich noch darüber nachgedacht habe, wie man bitte auf so eine Idee kommt, fiel mir auf:
Genau so fühlen sich Selbständigkeit und Marketing manchmal an.
Andere greifen scheinbar mühelos die Schokolinsen aus der Schale.
Und man selbst sitzt daneben und denkt:
Moment mal...
Habe ich die falsche Technik?
Sind meine Stäbchen zu kurz?
Oder bin ich vielleicht einfach nicht die richtige Person für bunte Schokolinsen?
Zack.
Vergleicheritis.
Kaum hat man Social Media geöffnet, startet der Vergleichsmodus.
Der Feed hört nie auf.
Er wird nie fertig.
Und man selbst fühlt sich irgendwie auch nie fertig.
Bevor man überhaupt etwas gepostet hat, fühlt man sich plötzlich schon kleiner.
Andere scheinen schneller zu sein, knackiger zu formulieren, die cooleren Bilder zu haben, Texte zu schreiben, die klingen wie ein TED-Talk.
Und während andere scheinbar mühelos ihre Schokolinsen greifen, sitzt man da und fragt sich:
Mache ich das eigentlich richtig?
Dabei ist das Verrückte:
Oft wissen wir ziemlich genau, was wir sagen wollen.
Und trotzdem schauen wir erst mal, was andere machen.
Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht.
Warum vergleichen wir uns ständig mit anderen Selbstständigen, obwohl wir genau wissen, dass uns das nicht gut tut?
Oft passiert etwas ganz Komisches.
Wir haben eine Idee im Kopf.
Oder eine Entscheidung getroffen.
Und statt ihr zu vertrauen, schauen wir erst einmal nach links und rechts.
Was machen andere?
Und dann passiert meistens eines von drei Dingen:
Wir lassen uns entmutigen.
Wir warten auf Bestätigung von außen.
Oder wir passen uns an, obwohl wir es eigentlich anders machen wollten.
Manchmal kommt einfach keine Bestätigung von außen.
Und manchmal eine Reaktion, die uns sofort wieder verunsichert.
Oder Zweifli, das flauschige Impostor-Monsterchen, hüpft wild auf dem Schreibtisch und muss erstmal mit einem Keks in den Flur geschickt werden.
In meinem letzten Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, dass wir uns nicht schubladisieren sollten.
Dass man kein einziger Style-Typ sein muss.
Man kann nach außen puristisch wirken
und innen glitzern wie eine Discokugel.
Beides darf gleichzeitig existieren.
Wir sind eher wie Diamanten – mit vielen Facetten.
Oder vielleicht sogar eher wie Rohdiamanten.
Mit Ecken und Kanten.
Und unperfekt.
Und genau das ist eigentlich gut so.
Vor ein paar Wochen habe ich gemerkt, dass mich etwas an meinem eigenen Design stört.
Meine Illustrationen waren inzwischen ein paar Jahre alt.
Ich mochte sie immer noch.
Aber irgendetwas fühlte sich nicht mehr ganz passend an.
Sie waren mir plötzlich ein bisschen zu niedlich.
Zu märchenhaft.
Mein Stil hatte sich weiterentwickelt.
Eigentlich wusste ich ziemlich genau, was ich wollte.
Die Bilder hatte ich längst im Kopf – bevor ich den Fehler gemacht habe, erst mal zu schauen, was andere so machen.
Natürlich.
Und da habe ich wieder mal gemerkt, wie schnell die Vergleicheritis anspringt.
Überall Coaches mit High-Ticket-Angeboten, sehr elegante Serifenschriften, Designer:innen, die anderen Designer:innen erklären, wie man erfolgreicher wird.
Mein erster Gedanke war fast trotzig:
Dann mache ich jetzt eben extra etwas ganz anderes.
Dann nehme ich halt schrabbelige Schriften und verabschiede mich von meiner geliebten Serifenschrift. Nicht, weil ich das wirklich wollte – sondern nur, um nicht „so zu sein wie die anderen“.
Und kurz danach kam die nächste Schleife im Kopf.
Ich habe mir Designer:innen angeschaut, die mich wirklich inspirieren.
Menschen, bei denen ich denke: Wow, haben die Style!
Und plötzlich dachte ich:
Da komme ich eh nie hin.
Kennste?
Da möchte man die Schale mit den Schokolinsen am liebsten direkt an die Wand schmeißen.
Irgendwann habe ich den Computer einfach ausgeschaltet und bin eine große Runde spazieren gegangen.
Danach habe ich mich mit einem Fineliner an den Tisch gesetzt.
Kein Pinterest. Kein Feed. Kein Vergleich.
Ich habe einfach angefangen zu zeichnen.
Und plötzlich entstand etwas.
Nicht glatt-glänzend und fancy.
Und auch nicht bis ins Letzte zergrübelt.
Aber sehr ich.
Mein eigener Stil. Aus mir heraus.
Die Idee war längst da. Ich musste nur aufhören, sie ständig mit anderen zu vergleichen.
Und falls du jetzt denkst:
„Moment mal, du bist Designerin – das müsstest du doch eigentlich können.“
Ja. Für andere schon.
Für meine Kund:innen sehe ich oft sehr schnell, was passt.
Welche Farben funktionieren.
Welche Bildwelt stimmig ist.
Aber für sich selbst ist das erstaunlich schwierig.
Auch Coaches buchen Coaches.
Texter:innen kämpfen manchmal mit ihren eigenen Texten.
Und Designer:innen sitzen gelegentlich vor einem weißen Blatt und vergleichen sich mit allen anderen.
Offenbar sind wir alle ziemlich gut darin, für andere klar zu sehen.
Nur bei uns selbst wird es plötzlich neblig.
Wie wäre es mit einem kleinen Experiment?
Ein paar Tage lang Entscheidungen treffen, ohne vorher irgendwo zu schauen.
Zum Beispiel:
🟣 Einen Post schreiben, ohne vorher durch den Feed zu scrollen
🟣 Eine Farbe auswählen, ohne Pinterest zu öffnen
🟣 Nein sagen, ohne vorher zu prüfen, ob andere vielleicht ja gesagt hätten
Probier es mal aus und beobachte: Wie fühlt sich das an?
Vielleicht geht es gar nicht darum, die Smarties schneller zu essen als alle anderen.
Vielleicht geht es einfach darum, die eigenen Stäbchen zu benutzen.
Im eigenen Tempo.
Und vielleicht sogar manchmal zu merken:
Heute habe ich gar keine Lust auf Schokolinsen.
Und morgen vielleicht wieder.
Und manchmal esse ich sie einfach mit den Händen ;-)
Hauptsache, ich entscheide selbst.
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